Je oller, je doller. Die Profis werden im Alter immer besser. Wunderkinder gibt es im Tennis kaum noch. Nur eine Momentaufnahme oder doch zukunftsweisender Trend? tennis MAGAZIN hat das Phänomen untersucht.

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DA GEHT‘S LANG: Jürgen Melzer ist mit 32 viel stärker als mit Anfang 20. Vor zwei Jahren stand der Österreicher noch in den Top Ten.

Neulich wurde Roger Federer wieder einmal gefragt, wie es ihm denn heute mit seinem Körper ergehe. Zum Verständnis: Federer ist inzwischen 32 Jahre alt. Früher war eine Tenniskarriere in diesem Alter oft passé. Okay, es gab Jimmy Connors, der sich bei den US Open 1991 als 39-Jähriger bis ins Halbfinale fightete, aber es gab auch Björn Borg, der mit 26 Jahren körperlich und mental ausgebrannt war.

Federer sagte neulich also: „Ich wärme mich besser auf, weil ich fühle, dass es das Richtige für mich ist. Als ich jung war, bin ich fünf Minuten herumgehüpft und dann auf den Platz gegangen. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist unser Sport so viel professioneller geworden. Jeder absolviert seine Extraschichten. Man will nicht der einzige Kerl sein, der nicht arbeitet.“

Stretching vor und nach den Matches, ausreichend Schlaf, die richtige Ernährung, besseres Material, das Stemmen von Gewichten, ein Heer von Trainern und Beratern – es gibt haufenweise Gründe, warum die Profis immer besser werden. Aber warum werden sie immer älter? Warum gibt es keine sogenannten Wunderkinder mehr, keine Beckers, Agassis, Capriatis, die die Etablierten auf den großen Bühnen ärgern?

„Wunderkinder gibt es nicht mehr!“

Betrug das Durchschnittsalter eines ATPTop 100-Profis 1990 noch 24,08 Jahre, so liegt es aktuell bei 26,95 Jahren – rund drei Jahre mehr. Ähnliches ergibt die Analyse der Achtelfinalisten der Grand Slam-Turniere bei den Männern in den letzten knapp 30 Jahren. 1985 betrug der Altersdurchschnitt 24 Jahre, 2013 fast 27,5 (s. Grafik S. 40). Interessant ist auch, wie sich das Alter der French Open-Viertelfinalisten geändert hat. In diesem Jahr war ein Viertelfinalist im Schnitt 29,75 Jahre alt – fünf Jahre älter als vor zehn Jahren. Der Jüngste war Novak Djokovic mit 26 Jahren. Und das bei dem Turnier, das als das härteste und gnadenloseste der Welt gilt. Keine jungen, unbekümmerten Helden also, sondern alte Haudegen?

„Für mich sind zwei Faktoren entscheidend dafür, dass sich die Altersstruktur nach hinten verschiebt“, sagt Christopher Kas, 33, einer der besten deutschen Doppelspieler auf der Tour. „Zum einen ist das gesamte Leistungsniveau höher geworden. Das führt dazu, dass junge Spieler viel länger brauchen, um alle Stufen zu durchlaufen.“ Im Klartext: Es müssen mehr Hürden genommen werden. Erst muss man sich durch Future-Turniere kämpfen, sich anschließend im Challenger-Circuit beweisen und erst dann folgt der Sprung in die Qualifikationen und Hauptfelder der ATP-Turniere.

PLATZREIFE: Tommy Haas, 35, und Roger Federer, 32, gehören zu einem „Club“, der immer mehr Mitglieder zählt – Ü30.

PLATZREIFE: Tommy Haas, 35, und Roger Federer, 32, gehören zu einem „Club“, der immer mehr Mitglieder zählt – Ü30.

Der zweite Grund für Kas: „Die älteren Profis halten ihre Leistung länger. Sie sind fitter und weniger anfällig für Verletzungen, weil sie mehr über Training, Prävention und Rehamaßnahmen wissen als die Spieler in früheren Jahren.“ Vor allem: Sie wollen der Abteilung „Jugend forsch“ nicht Platz machen. Spieler wie Grigor Dimitrov, 22, Bernard Tomic, 20, oder Ryan Harrison, 21, einst als Wunderknaben gehandelt, sind inzwischen auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Sie kommen an den Älteren vorerst nicht vorbei. Denn der Trend, der sich auch in der Gesellschaft zeigt, in der sich die Grenzen immer weiter verschieben, gilt für den Sport im Allgemeinen und das Profitennis im Besonderen erst recht: Diäten machen, durch Parks rennen, sich an Geräten stählen – das tun Djokovic & Co., aber auch Max Mustermann und Lieschen Müller. Soziologen sprechen vom „Peter Pan-Syndrom“. Ewige Jugend heißt das Zauberwort. Man kann das auch herunterbrechen auf die Formel „30 ist das neue 20“. Tommy Haas, 35, hat Bauchmuskeln von denen 20-jährige Nachwuchshoffnungen nur träumen können. Ein Spieler wie früher Karsten Braasch, der vor dem Match noch schnell eine Zigarette durchzog und abends an der Bar sein „Pilsken“ trank – undenkbar im Zeitalter des Fitnesswahns.

Professor Dr. Bernd Kabelka, Orthopäde in Hamburg, glaubt, dass ein neues Körperbewusstsein der Grund für die Verschiebung der Grenzen ist. „Heute spielen 75-, 80-Jährige Tennis. Sie wollen fit sein und mit 100 gesund sterben!“ Auch bei den Profis habe es einen Bewusstseinswandel in den letzten Jahren gegeben. Die Rezeptur laut Kabelka: „Fitness, eine gesunde Lebensführung und die Bereitschaft, sich zu quälen.“

Die Prototypen der Fitness-Bewegung, die Anfang der 80er Jahre ins Tennis schwappte, hießen Martina Navratilova und Ivan Lendl. Sie schworen auf Robert Haas-Diät und ließen sich nach langen Matches nicht nur massieren, sondern strampelten noch auf dem Ergometer. Kabelka, langjähriger Turnierarzt am Hamburger Rothenbaum: „Dafür wurden sie anfangs von ihren Kollegen belächelt.“

Im heutigen Profitennis gibt es praktisch nur noch moderne Lendls. Oder Agassis. Wenn der Tscheche Inspiration für die Generation Sampras, Courier und Co. war, dann taugte Andre Agassi, für den mit 35 Schluss war, als Vorbild für die heutigen Profis. Auf dem besten Weg zur Ikone ist auch Haas, eines der prominentesten Mitglieder im Ü30-Club und besser und fitter denn je. Was vielen Mut macht, ist seine Vita, die ständigen Verletzungen, aber vor allem der eiserne Wille immer wieder zurückzukommen. Kabelka sagt: „Wenn die körperlichen Voraussetzungen stimmen Muskulatur, Knochen, Herz-Kreislauf – , ist es kein Problem bis Mitte oder Ende 30 Topleistungen zu bringen.“ Sein Lieblingsbeispiel in dieser Hinsicht: Vitali Klitschko. Der ist 42 und immer noch Box-Weltmeister.

ATHLETIK, DIE BEGEISTERT: Michael Llodra ist 33 Jahre alt und zieht sein Serve-and-Volley-Spiel nach wie vor durch.

ATHLETIK, DIE BEGEISTERT: Michael Llodra ist 33 Jahre alt und zieht sein Serve-and-Volley-Spiel nach wie vor durch.

Ein entscheidender Fakt, der oft auch im Tennis für den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage sorgt: Erfahrung. Mats Merkel, Coach und Berater für Tourprofis, beschäftigt sich seit sieben Jahren mit Statistiken zum Thema Altersdurchschnitt. „Die steigenden Zahlen hängen damit zusammen, dass die Spieler ihren Körper im Laufe der Jahre immer besser kennenlernen“, sagt Merkel. Er weiß, „dass sie das extrem belastende Training ab einem gewissen Alter nicht mehr absolvieren, weil sie festgestellt haben, dass sie eigentlich ganz anders trainieren sollten, um ihr Potenzial zu maximieren.“

Beispiel Michael Llodra. Der 33-jährige Franzose gehört zu den Top 50. Er weiß genau, wie er seine Stärke, das Serve- and-Volley-Spiel trainiert und auch welche Turniere er spielen muss, um seinen Körper nicht zu überlasten. Vor zwei Jahren, da war er auch schon jenseits der 30, erreichte er mit Position 21 sein bestes Ranking.

Wie Llodra geht es vielen Profis: Sie spielen im vermeintlichen Herbst ihrer Karriere das beste Tennis. Weil sie erfahren sind, auf ihren Körper hören, einen intelligenten Turnierplan erstellen, sich vernünftig ernähren und genau wissen, dass Qualität und Effektivität im Training viel wichtiger als Quantität sind. Allein im Juli 2013 gab es fünf Turniersieger, die 30 oder älter waren. Christopher Kas sagt: „Wenn mein Training um zehn Uhr auf dem Platz beginnt, dann beginne ich ab neun Uhr mit speziellen Übungen. Auf dem Platz ist das Level dann sofort hoch.“ Früher habe er sich zehn Minuten aufgewärmt und dann eine halbe Stunde Bälle geschlagen, um auf Betriebstemperatur zu kommen.

Fakt ist: Heute wollen die Oldies keine Zeit mehr verschwenden. Sie wissen, wie kostbar sie ist. Und sie wissen auch, wie sie ihren Körper optimal tunen. „Ich spiele heute definitiv besser als mit 20“, sagt Kas. Trainingswissenschaftler sagen, dass es Jahre dauert, um eine tennisspezifische Muskulatur aufzubauen, die Ausdauerleistungen bei Fünf-Stunden-Matches, aber auch Schnelligkeit und Schnellkraft garantiert. Mats Merkel weiß: „20-Jährige können nicht die Trainingshistorie eines 27-Jährigen haben.“ Rafael Nadal, der schon mit 19 Weltklasse war, sei die große Ausnahme, habe „Glück mit seiner DNA“ gehabt.

„Auf den eigenen Körper hören!“

Für Richard Schönborn, Trainerurgestein aus Hannover, kommt noch ein weiterer Grund hinzu, warum es heute für 18-, 19-Jährige nicht möglich ist, mit gestanden Profis mitzuhalten: „Sie haben nicht die situative Lösung für die Probleme auf dem Court.“ Soll heißen: Die normalen Schläge beherrschen alle, aber Bälle, auch aus den unmöglichsten Winkeln des Platzes auszugraben und anschließend zu punkten, wie es die Nadals, Djokovics und Murrays praktizieren: Dafür bedarf es jahrelangen Trainings.

Den Paradigmenwechsel im Tennis haben inzwischen auch die Sponsoren erkannt. Stellte der Branchenriese Adidas früher Riesensummen für aufstrebende Talente bereit, so gilt inzwischen die Devise: Auch das Geld für die ausgeben, die eine realistische Chance haben, oben mitzuspielen, also für die Älteren. Denn wer weiß, ob die Youngster überhaupt durchkommen. Claus Marten, zuständig für das globale Tennis-Sportmarketing bei Adidas und bei allen Grand Slam- Turnieren vor Ort, sagt: „Es wird für uns immer komplizierter, Jugendliche unter Vertrag zu nehmen. Ein 14-jähriger Nachwuchsspieler wird, wenn alles gut läuft, erst zehn Jahre später nennenswerte Preisgelder einspielen.“ Was nicht heißt, dass man bei Adidas nicht mehr auf der Suche nach dem nächsten Djokovic sei. Nur: Das Geld wird inzwischen gezielter eingesetzt. So kämen heute weltweit nur etwa zehn Nachwuchsspieler in den Genuss von Verträgen, bei denen Geld und Boni fließen.

„Weniger Geld für Junioren“

Vor allem wegen des modernen Ranglistensystems schätzt der Marketing-Mann die Chancen für die junge Generation als schwierig ein. Marten: „80 Prozent der Punkte werden von den ersten zehn Spielern gewonnen. Die Straße nach oben wird immer enger und unten an der Kreuzung drängeln sich immer mehr Spieler, um nach oben zu kommen.“ Eine 16-jährige Nummer eins werde es nicht mehr geben, weil das System es nicht zulässt.

Immerhin: Bei den Damen beträgt das Durchschnittsalter in den Top 100 24,7 Jahre – gut zwei Jahre weniger als bei den Herren. Es liegt im Wesentlichen daran, dass Mädchen im Allgemeinen eher reifen als Jungen und der Faktor Athletik auf der WTA-Tour längst noch nicht ausgereizt ist. Bei den diesjährigen French Open beispielsweise gingen zwar 18 Spielerinnen, die 30 oder älter waren, an den Start, aber es waren auch 14 Teenager im Feld.

Selbst bei den Management-Firmen spürt man die Auswirkungen der Anti-Jugendbewegung. Mussten die Impresarios früher oft Papa spielen, für die jungen Talente nicht nur Flüge, Hotels und Plätze buchen, sondern auch Lebensweisheiten weitergeben, so sind sie inzwischen fast häufiger damit beschäftigt, für ihre Schützlinge die Karriere nach der Karriere zu planen. Stefan Wechslberger, der für die Agentur Global Sports Management internationale Profis, aber auch die Deutschen Andreas Beck, Michael Berrer und Matthias Bachinger betreut, sagt: „Wir versuchen mittlerweile, unsere Klienten als Tennisbotschafter in ihrem Land, als TV-Kommentator oder als Berater bei ATP-Turnieren einzubinden.“

Bevor es aber so weit ist, wollen die Oldies die Jungen noch ärgern. Auch Federer. Der sagt: „Glaubt es oder glaubt es nicht, aber ich fühle mich heute besser als früher. In meiner Jugend hatte ich unglaublichen Muskelkater.“ Nun ja, neulich klagte der zurzeit Erfolglose über Rückenschmerzen. Alles ist im fortgeschrittenen Tennisalter auch nicht rosig.

 

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STRECKT SICH IMMER NOCH: Lleyton Hewitt, 32, begeistert in diesem Jahr seine Fans.

(Text : Andrej Antic ; tennisMAGAZIN Ausgabe 10.2013)

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