Im zarten Alter von 19 Jahren schon auf dem Sport-Olymp.


„Eine Pers√∂nlichkeit wie Steffi hat es noch nicht gegeben“

Zu Beginn des Jahres 1988 war Steffi Graf zwar viel zugetraut worden, dass sie sich aber Anfang Oktober mit dem Golden Slam in die Geschichtsb√ľcher wird eintragen k√∂nnen, damit h√§tte wohl niemand gerechnet.

Jean Borotra, einer der ber√ľhmten franz√∂sischen Tennis-Musketiere (inzwischen verstorben), schw√§rmte damals:

Eine Persönlichkeit wie Steffi hat es in der Tennis-Geschichte noch nicht gegeben.

Dabei war Stefanie Maria Graf ‚Äď wie sie mit vollem Namen hei√üt ‚Äď zu diesem Zeitpunkt in ihrer Pers√∂nlichkeit noch gar nicht wirklich gereift. Wie denn auch, mit ihren 18 beziehungsweise sp√§ter 19 Jahren?

Ohne Satzverlust zum Melbourne-Titel

Alles begann bei den Australian Open in Sydney. Die Rechtshänderin fegte mit ihrem druckvollen Spiel von einer Runde zur nächsten.

6:3, 6:1.
6:0, 6:1.
6:1, 6:2.
6:0, 7:5.
6:2, 6:2.
6:2, 6:3.
6:1, 7:6.

Die gefragte Heldin gibt Autogramme (Bild (c) imago)

Die gefragte Heldin gibt Autogramme (Bild (c) imago)

Kein Satzverlust bis zum Endspiel gegen die Amerikanerin Chris Evert. Auch kein Satzverlust gegen Evert selbst. In den sieben Partien gab Graf nur 29 einzelne Spiele ab, das sind im Schnitt lediglich knapp vier pro Match. Eine √ľberragende Bilanz. Einzig im Finale musste sie ein wenig zittern. Ziemlich unn√∂tig, aber da zeigte sich noch ein wenig ihre Unerfahrenheit. Gegen Evert f√ľhrte die Deutsche bereits mit 6:1, 5:1, ehe es pl√∂tzlich 5:6 im zweiten Durchgang hie√ü. Steffi rettete sich in den Tiebreak ‚Äď und holte den Pokal. Evert sagte im Anschluss an die Niederlage voller Respekt:

Steffi ist klar die Nummer eins!

Die australische Legende Rod Laver sprang auf die Lobeshymnen direkt mit auf und traute Graf schon zu diesem fr√ľhen Zeitpunkt des Jahres zu, den kaum f√ľr m√∂glich gehaltenen Grand Slam zu holen. Die junge Deutsche selbst war sich da noch nicht so sicher:

Nun mal langsam. Siege in Paris, Wimbledon und Flushing Meadows sind noch in weiter Ferne.

Eine Brille im French-Open-Endspiel

Knapp vier Monate später konnte sie auch hinter die French Open erfolgreich einen Haken setzen. Mit Auftritten, die es in dieser Souveränität nur selten zuvor und auch nur selten danach gegeben hat.

6:0, 6:4.
6:1, 6:0.
6:0, 6:1.
6:1, 6:3.
6:0, 6:1.
6:3, 7:6.
6:0, 6:0.

Siegerin Steffi präsentiert stolz die Trophäe (Bild (c) imago)

Siegerin Steffi präsentiert stolz die Trophäe (Bild (c) imago)

Eine Brille im Finale! F√ľr das Endspiel gegen die Wei√ürussin Natallja Swerawa ben√∂tigte Graf nur mickrige 34 Minuten. Dieses Match am 4. Juni 1988 ist bis heute das schnellste Grand-Slam-Endspiel der Geschichte. In den zw√∂lf Aufschlagspielen lie√ü Steffi nur ganze 13 Punkte der Kontrahentin zu. In der Umkleidekabine nahm sie die 17-J√§hrige, die Tr√§nen im Gesicht hatte, dann in den Arm:

Es hätte komisch ausgesehen, wenn ich ihr ein Spiel geschenkt hätte. Damit wäre sie nicht zufrieden, andere auch nicht.

Auch zuvor nahm die Deutsche √ľberhaupt keine R√ľcksicht auf die Konkurrenz. Waren es in Melbourne immerhin noch 29 einzelne Spiele, die die Gegnerinnen sich holen konnten, so waren es in Paris nur 20. Und damit weniger als drei im Schnitt.

Navratilovas Vorherrschaft in Wimbledon beendet

Nat√ľrlich setzte Steffi Graf diesen ph√§nomenalen Lauf auch auf Rasen in Wimbledon fort. Kurz vor dem Turnier war sie 19 Jahre alt geworden, z√§hlte aber schon l√§ngst zu der ganz gro√üen Nummer im Damentennis. Im Endspiel ging es dann gegen eine Kontrahentin, die die Jahre zuvor das Rasenturnier dominiert hatte: Martina Navratilova. Und die Tschechin schien Graf tats√§chlich eine Niederlage beibringen zu k√∂nnen. 5:7, 0:2 stand es aus Sicht der Deutschen. Was dann folgte, war einfach nur zum Augenreiben. Es klappte einfach alles bei Graf. Nahezu jeder Aufschlag sa√ü, die Vorhand peitschte ein um andere Mal pr√§zise auf die Linien, auch die Volleys waren erfolgreich.

Der Moment des verwandelten Matchballs in Wimbledon (Bild (c) imago)

Der Moment des verwandelten Matchballs in Wimbledon (Bild (c) imago)

Wenig sp√§ter hie√ü es 5:7, 6:2, 6:1 ‚Äď nur einen einzigen Spielgewinn von Navratilova lie√ü sie noch zu und beendete damit die Wimbledon-Vorherrschaft der Kontrahentin. Es war der erste Titelgewinn Grafs auf dem heiligen Rasen. Diese schw√§rmte mit der Troph√§e in der Hand:

Ich bin lange nicht so hart gefordert worden. Aber ich wollte unbedingt gewinnen. Durch die wundervolle Atmosph√§re hier ist das Gef√ľhl viel gr√∂√üer und sch√∂ner.

Es sollte der erste von sieben Wimbledon-Triumphen f√ľr die Deutsche sein. Au√üerdem sicherte sie sich auch noch das Doppel zusammen mit der Argentinierin Gabriela Sabatini.

Graf vs. Sabatini 1.0

Eben jene Sabatini sollte in der Zukunft dann gleich zweimal die Chance bekommen, Steffi auf der anderen Seite des Netzes den näher kommenden Golden Slam zu verderben. Die erste Chance dazu bot sich im Finale der US Open in New York. Graf ging etwas ausgeruhter in das Duell, fegte durch die ersten Runden und kam im Halbfinale ohne Ballwechsel weiter, da Chris Evert verletzungsbedingt nicht antreten konnte.

Der Grand Slam war nach den US Open perfekt (Bild (c) imago)

Der Grand Slam war nach den US Open perfekt (Bild (c) imago)

Das Finale gegen Sabatini wurde dann zu einem lange Zeit offenen Schlagabtausch. Satz eins ging an die Deutsche, dann schaffte die Argentinierin den Ausgleich, ehe Durchgang drei deutlich an die Nummer eins der Welt ging: 6:3, 3:6, 6:1 f√ľr Steffi Graf. Der Grand Slam war damit perfekt, die damals 19-J√§hrie konnte ihr Gl√ľck kaum fassen:

Ich bin unheimlich gl√ľcklich. Ich kann das Gef√ľhl noch gar nicht richtig beschreiben.

Graf vs Sabatini 2.0

Bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul sollte dann die endg√ľltige Kr√∂nung zur Legende folgen. Auf dem Weg dahin passierte Graf allerdings ein f√ľr ihre Verh√§ltnisse (Achtung: Ironie) krasser Ausrutscher, als sie im Viertelfinale gegen die Wei√ürussin Sawtschenko einen Satzverlust hinnehmen musste. Dieser war Warnung genug:

Nach dem schweren Sieg im Viertelfinale habe ich mich selbst angetrieben f√ľr die letzten beiden Spiele.

Im Anschluss fegte sie wieder durchs Turnier, besiegte im Endspiel erneut Sabatini mit 6:3, 6:3. Die Goldmedaille hing funkelnd um den Hals, der Golden Slam war einkassiert. Nat√ľrlich mit einem Vorhand-Winner beim Matchball, wie Steffi Graf ihn in diesem Jahr beinahe wie im Schlaf pr√§sentierte.

Obendrein sicherte sie sich auch noch Bronze im Doppel an der Seite von Claudia Kohde-Kilsch. Erst f√ľnf Tennisprofis schafften zuvor den Grand Slam: Don Budge, Maureen Connolly, Margaret Smith Court und gleich zweimal Rod Laver. Dieser hatte Steffi bekanntlich den Golden Slam zugetraut, n√§mlich schon im Januar. Und genau dieses Kunstst√ľck schaffte nur eine Spielerin in der Geschichte des Tennissports: Steffi Graf. Im zarten Alter von 19 Jahren!

72:3-Siege in einer unfassbaren Saison

Es kamen in diesem Jahr noch weitere Troph√§en hinzu. Steffi triumphierte in San Antonio, Miami, Berlin, Hamburg, Mahwah und Brighton. Am Ende des Jahres hatte sie ph√§nomenale 72:3-Siege auf dem Konto. All diese Erfolge brachten ihr konsequenterweise die Wahl zur Weltsportlerin des Jahres. Doch Graf erinnerte sich besonders an einen Sieg zur√ľck:

Gold in Seoul war riesig. Aber das gr√∂√üte war Wimbledon gegen Martina Navratilova. Ich lag hinten und siegte. Das Gef√ľhl nachher war irre.

Irre war auch der Verlauf der weiteren Karriere der Deutschen. Insgesamt sammelte sie 22 Grand-Slam-Titel im Einzel, holte sich 107 Turniersiege, gewann genau 900 Matches auf der WTA-Tour, war insgesamt 377 Wochen die Nummer eins der Weltrangliste (186 Wochen am St√ľck) und beendete gleich acht Saisons als Weltranglistenerste.

Doch dieser Golden Slam aus dem Jahr 1988 ‚Äď der steht √ľber allem! Und damit machte sich Steffi Graf schon als Tennis-Teenie zu einer Sportlegende.


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