Warum Erfahrung und Verlieren so wichtig ist, um ein guter Tennisspieler zu werden.

Der 12-jährige Richard schlendert mit seiner nach hinten gerichteten Roger Federer Cap über die heimische Tennisanlage.

Richard trainiert dreimal pro Woche beim Stammtrainer des Vereins. Er ist talentiert und ist jedes Mal heiß darauf endlich auf den Platz zu können. Seine Eltern unterstützen Richard finanziell wo sie nur können. Richard spielt bereits seit drei Jahren Turniere – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. In seinem Alter gibt es im Umkreis von 50 km keinen besseren Tennisspieler.

 


 

Kurz bevor Richard das Clubhaus erreicht, spricht ihn Werner an.

Werner ist bereits 72 Jahre, aber immer noch gut im Schlag. Seit seinem siebten Lebensjahr steht Werner auf den Tennisplätzen dieser Welt. Seine Tochter ist eine erfolgreiche Spielerin in Brasilien. Er hat schon tausende Stunden Training gegeben. Er kennt den talentierten Richard bereits seit einigen Jahren und verfolgt seine Entwicklung mit großer Spannung – aber auch Freude.

Werner sitzt auf der Terrasse des Tennisclubs und genießt die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Nach einem kurzen Blickkontakt winkt Werner den kleinen Richard zu sich.

Die nächste Entwicklungsstufe erreichen

„Richard, wie läuft es mit deiner Karriere?“, fragt Werner mit einem sympathischen Augenzwinkern.

„Es läuft gut. Es macht mir großen Spaß, mich bei Turnieren mit anderen zu messen. Leider habe ich noch kein Turnier gewinnen können. Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja diesen Sommer noch“ antwortet Richard, erfreut darüber dass Werner nach seiner aktuellen Situation fragt.

„Hmmm … Dir fehlt also die Treppe, um deine nächste Entwicklungsstufe endlich zu erreichen, richtig?“, fragt Werner.

„Ja, ganz genau. Besser hat es mir noch keiner sagen können. Ich kann mit den Spielern in meinem Alter gut mithalten. Nur reicht es gegen viele noch nicht zum Sieg“ gibt Richard mit leuchtenden Augen preis.

Werner lehnt sich in seinem Stuhl zurück, rückt nochmal das Sitzkissen zurecht und beginnt mit einer Geschichte, die Richard innerhalb des nächsten Jahres zu seinem ersten Turniersieg führen sollte.

Werner beginnt zu erzählen. Richard sitzt aufrecht im Stuhl gegenüber und ist gespannt, was er in den nächsten Minuten von diesem älteren Mann lernen kann.

„Richard, meine Tochter war damals in einer ähnlichen Situation wie du jetzt, mein Lieber. Auch sie war für ihr Alter sehr talentiert, konnte aber keine wirklichen Erfolge verbuchen. Irgendwann blieb sie in ihrer Entwicklung stehen. Meine Frau und ich hielten endlos lange Gespräche darüber. Wir wechselten den Trainer. Die Trainingsintensität wurde verändert. Mal dreimal die Woche, mal sogar fünfmal. Wir buchten zusätzlich Einzeltraining bei einem weiteren Trainer. Doch nichts half“.

Sich an denen orientieren, die so spielen, wie man es selber möchte

Luisa, so der Name meiner Tochter, kam bei den Turnieren in ihrer Altersklasse nie über das Viertelfinale hinaus. Es gab immer drei bis vier andere Spielerinnen, gegen die sie nicht gewinnen konnte. Diese Spielerinnen spielten den Ball noch einen Tick schneller, mit noch mehr Spin als alle anderen. Meine Tochter fehlte einfach immer ein Schritt, ein Stück, um gewinnen zu können.

Das gewöhnliche Training brachte Luisa nicht weiter. Also versuchten wir einen komplett neuen Weg. Einen Weg fernab von Trainingsübungen aus dem Bällekorb.

Wir suchten uns Spieler, die wesentlich älter und besser waren als Luisa.

Dies gestaltete sich nicht ganz so leicht. Wir entschieden uns, dass Luisa mit männlichen Spielern spielen sollte. Mit 15 – 17-jährigen Talenten, die in ihrer Entwicklung wesentlich weiter waren als Luisa. Körperlich, wie auch spielerisch. Bei einigen Spielern kamen wir sogar nicht drumherum, Geld für eine Stunde zu zahlen.

Doch war diese Stunde eine bessere Investition als eine weitere Trainerstunde aus dem Bällekorb.

Luisa verlor reihenweise die Sätze gegen diese besseren und älteren Spieler. Doch lernte sie dafür Dinge, die sie aus dem normalen Training niemals hätte mitnehmen können.

Sie lernte, wie es ist ein viel höheres Tempo in den Ballwechseln zu spielen. Die Bälle der stärkeren und älteren Gegner hatten eine ganz andere Rotation, einen aggressiveren Spin.

Kontinuierlich auf höherem Niveau spielen

Das Geheimnis lag darin, dass Luisa regelmäßig gegen bessere spielte. Mal zwischendurch ein Satz oder eine Stunde reicht nicht. Luisa spielte ein- bis zweimal pro Woche ein Match gegen einen klar besseren Spieler. In vielen Gesprächen brachten meine Frau und ich unserer Tochter bei, dass der Lerneffekt das Ziel dieser Matches sei. Nicht das Ergebnis. Es kann natürlich frustrierend für einen Teenager werden, wenn man stets hoch verliert. Doch den Sinn dieser Methode sollte Luisa schon sehr schnell bemerken.

Nämlich beim nächsten Turnier, als sie endlich zwei Gegnerinnen in Serie schlug, gegen die sie sonst immer verloren hatte. Plötzlich machte Luisa das höhere Tempo in den Ballwechseln nichts mehr aus – weil sie ein viel Höheres mittlerweile aus den zahlreichen Trainingsmatches gewöhnt war. Kurzzeitige Rückschläge brachten sie nicht mehr vom Kurs ab – sie hatte gelernt, mit Niederlagen umzugehen und einfach weiterzumachen. Luisa war jetzt sicherer in ihrem eigenen Grundlinienspiel. Sie hatte das Selbstvertrauen, um an ihre Chance und den Sieg zu glauben.

Die Trainingsmatches gegen stärkere und ältere Spieler führten Luisa zu ihrem ersten Turniersieg und einer enormen sportlichen Entwicklung.“

Was dir hilft, besser zu werden

Werner nahm einen letzten Schluck aus seiner Cola und stellte das Glas zurück auf den Bierdeckel. Richard hatte seine Roger Federer Cap mittlerweile nach vorn gezogen.

„Lieber Werner. Ich werde Ihren Rat befolgen und Ihnen erzählen, was dieser mir brachte“.

Ein Jahr später trafen sich Werner und Richard erneut auf der Terrasse des Tennisclubs. Doch diesmal erzählte Richard eine Geschichte. Die Geschichte von seinem ersten Finale, welches er gegen die Nummer eins des Turniers sofort gewann.

Also immer bedenken, wer besser werden will, muss sich nach oben orientieren. Spielt mit Leuten, die euch überlegen sind oder die auf eine Art spielen, die euch nicht liegt. Und das regelmäßig. Nur wenn ich euch aus eurer Komfortzone raus bewegt und lernt, mit diesen Situationen umzugehen, könnt ihr bessere Tennisspieler werden.

(Text: Marco Kühn)

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