In Wimbledon stellten Experten eine „Renaissance des alten Rasentennis“ fest, weil Angriffsspieler wie Dustin Brown oder Sergiy Stakhovsky große Erfolge feierten.

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Matthias Stach (50) ist langjähriger Eurosport- Kommentator und Kenner der Tennisszene.

Es war wie eine kleine Zeitreise in die 90er-Jahre: Als die Serve-and-Volley-Spezialisten Dustin Brown und Sergiy Stakhovsky in Wimbledon die dritte Runde erreichten, dachten viele: „Geht doch, echtes Angriffstennis auf Rasen ist nicht tot!“ Ist es doch. Brown, Stakhovsky, Mahut, Lopez und Llodra sind die letzten Dinos eines aussterbenden Spielstils. Zahlen belegen das: 2003 wurden noch 25 Prozent aller Ballwechsel nach dem ersten Aufschlag bei den Herren in Wimbledon mit einer Serve-and-Volley- Attacke eingeleitet – 2013 waren es noch acht Prozent. Roger Federer spielte bei seinem ersten Wimbledon-Titel 2003 noch zu über 60 Prozent „Aufschlag-Volley“. Zehn Jahre später war der Anteil bei ihm auf 13 Prozent gesunken. Es gibt also keinen Trend zur „Renaissance des alten Rasentennis“, wie ihn einige Experten ausgemacht haben wollen. Die Rasenplätze sind einem globalen Phänomen des Profitennis ausgesetzt: der Gleichschaltung von Courts und Spielweisen.

„Unterschiede der Grand Slams sind nur marginal!“

Ich halte das für bedenklich. Die Unterschiede zwischen den vier Grand Slam-Turnieren sind nur noch marginal. Wimbledon wurde bewusst entschleunigt. Durch langsamere Rasenarten und durch Bälle, die nun höher abspringen. Die Folge: In den 80er-Jahren dauerte ein Ballwechsel in Wimbledon durchschnittlich 2,7 Sekunden. Mittlerweile liegt der Durchschnittswert bei über zehn Sekunden. Als Pete Sampras, siebenfacher Wimbledonsieger, seine ersten Gehversuche auf Rasen unternahm, schied er dreimal früh in Wimbledon aus. Später sagte er, dass er das Laufen auf Gras erst lernen musste – so krass war der Unterschied zu anderen Belägen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Es gibt Studien, die belegen, dass die Bälle in Wimbledon nun knapp zehn Zentimeter höher abspringen als früher. Der Körperschwerpunkt eines Spielers auf Rasen hat sich nach oben verlagert. Die Spielweise auf Gras gleicht sich deswegen jener auf Sand oder Hardcourt an.

Serve-and-Volley hat unter diesen Umständen keine Überlebenschance mehr. Die Profis werden in einen gleichförmigen Spielstil gepresst. Es gibt kaum Jugendtrainer, die Kindern kompromissloses Angriffstennis beibringen. Die Erfolgsaussichten in jungen Altersklassen wären zu gering. Die Macher der Rasenevents sind gefordert: Die sollten alles dafür tun, Rasentennis wieder zu einer unverwechselbaren Spielart im Welttennis zu formen. Dann hat auch der Serve-and-Volley-Stil eine Chance, nicht in der Versenkung zu verschwinden.

(tennisMAGAZIN Ausgabe 08.2013)

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