Wimbledon Finale 2014 – Ein Rückblick auf das Giganten Duell Djokovic vs. Federer

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LECKER: Nach seinem Wimbledonsieg 2011 aß er schon Gras. Diesmal wieder

Power und Finesse. Das Herrenfinale wurde zum Highlight der 128. Championships. Am Ende holte Novak Djokovic seinen zweiten Wimbledon-Titel. Für Roger Federer war es das 25. Grand Slam-Finale. Den Angriff der jungen Wilden wehrten beide noch einmal ab.

Wer kann da noch ruhig bleiben? Nicht die 15.000 Zuschauer auf den Rängen und nicht die zig Millionen vor den Fernsehschirmen. Alte, Junge, Serben, Schweizer, Deutsche, Weltbürger – dieses 6:7, 6:4, 7:6, 5:7, 6:4 elektrisierte alle. Wahrscheinlich wurde auf dem heiligen Rasen noch nie besser Tennis gespielt, als in diesem ersten, fast fehlerlosen, Satz, den Federer 9:7 im Tiebreak gewann.

Und wahrscheinlich hatte kaum jemand Federer zugetraut, dass er nach 1:2-Satzrückstand und 2:5 noch einmal ins Match zurückkommen würde. Der Schweizer wehrte einen Matchball ab, glich zum 5:5 aus, gewann den Durchgang und rettete sich in den fünften Satz. Am Ende, nach fast vier Stunden, als Federers Rückhand im Netz zappelte, war man sich nicht sicher, welchen Platz das Finale zwischen Novak Djokovic und Roger Federer in der ewigen Bestenliste einnimmt. Einigen wir uns darauf: Es liegt knapp hinter dem Knaller zwischen Nadal und Federer von 2008. Dieser endete damals nach fast fünf Stunden, mehreren Regenunterbrechungen und bei einbrechender Dunkelheit 9:7 im fünften Satz für Nadal.

Sechs Jahre später sind die Vorzeichen ähnlich. Es geht um den Titel, aber es geht auch um die Geschichtsbücher. Federer, der mit einer Leichtigkeit durchs untere Tableau spazierte, die den 32-Jährigen wie einen Teenager erscheinen ließ, stand in seinem – Achtung! – 25. Grand Slam-Finale. Hätte er gewonnen, wäre es Major- Titel Nummer 18 und Wimbledonsieg Nummer acht gewesen – Rekord.

„Sieben „dicke“ Titel für Djokovic“

GOLDENE RIVALITÄT: Noch führt Federer – 18:17.

GOLDENE RIVALITÄT: Noch führt Federer – 18:17.

„Ich weiß gar nicht, wie das geht, so viele Grand Slams zu gewinnen“, sagt Boris Becker. Der Coach von Novak Djokovic gewann zwischen 1985 und 1996 sechs „dicke“ Titel. Sein Schützling hat ihn jetzt überholt. Wimbledon 2014 war für den „Djoker“ der siebte Streich bei Majors insgesamt und der zweite bei den „Championships“.

Es ist davon auszugehen, dass kaum ein Profi zuvor so hart für den 45,72 Zentimeter hohen Challenge Cup kämpfen musste wie der Serbe. Im Match gegen Gilles Simon stürzte Djokovic böse auf die Schulter, ließ sich von einem Arzt durchchecken, schluckte Tabletten. Immer wieder rutschte er auf dem Platz aus. Gegen Marin Cilic, im Viertelfinale, lief er einem 1:2-Satzrückstand hinterher. Nach zwei Wochen Schwerstarbeit kam Djokovic auf 19:05 Stunden auf dem Court. Bei Federer waren es rund fünf Stunden weniger.

„Junge Wilde auf dem Vormarsch“

Das Phänomenale war nicht, dass er in sein neuntes Wimbledonfinale einzog. Sonderlich schwer war sein Weg nicht – Paolo Lorenzi, Gilles Muller, Santiago Giraldo, Tommy Robredo waren in den ersten Runden leichte Aufgaben. Auch der Sieg gegen Freund und Trainingspartner Stan Wawrinka, der nach drei Matches in drei Tagen nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war, fiel entspannt aus. Nein, das Erstaunliche an Federer war, dass er seit Jahren nicht mehr so gut gespielt hat bei einem Saisonhöhepunkt. Gründe gibt es einige und in der Summe sorgen sie dafür, dass Federer mit den Topstars wieder auf Augenhöhe ist:

  • Die Saisonvorbereitung: Federer konnte nach seiner Rückenverletzung im vergangenen Jahr wieder optimal trainieren – Trainingslager in Dubai und in der Schweiz.
  • Der Coach: Stefan Edberg hat dazu beigetragen, dass Federer wieder offensiver und mutiger spielt. Besonders effektiv in Wimbledon sein Chip-and-Charge-Spiel, mit dem er Djokovic immer wieder vor Probleme stellte.
  • Das Privatleben: Banal aber nachvollziehbar – durch die Geburt seiner Zwillinge Leo und Lenny ist Federer noch entspannter. Viele sahen seinen Siegeszug in Wimbledon als letzte große Chance, noch einen Grand Slam-Titel zu holen. Federer scheint sich solche Sorgen nicht zu machen. Ärgerte er, der Perfektionist, sich früher für jeden sichtbar über vergebene Chancen, so fiel diesmal auf: kein Hadern, kein Schimpfen. In der Niederlage zeigte der Gentleman eine unglaubliche Größe.

Das Gigantenduell zwischen Djokovic und Federer war die eine große Geschichte dieser 128. Auflage von Wimbledon. Die andere lautet: Die jungen Wilden sind auf dem Vormarsch – Ernests Gulbis, Milos Raonic, Grigor Dimitrov, neuerdings auch Nick Kyrgios, der Nadal schockte und von dem die Engländer schwärmten: „Einer wie Boris Becker“ (siehe Kästen links und rechts).

Milos Raonic sagt: „Stan Wawrinkas Sieg in Melbourne war beeindruckend. Ich dachte, wenn er das kann, warum nicht auch ich?“ Entsprechend selbstbewusst trat der 99-Kilo- Mann auf, angefeuert von seiner flaggenschwenkenden Fangemeinde. 164 Asse drosch Raonic ins gegnerische Feld – so viele wie kein anderer. Mit 226,9 Kilometern pro Stunde servierte er – schneller war nur der Tscheche Jiri Vesely, der auf 230,1 kam.

SCHWERSTARBEIT: 19:05 Stunden verbrachte Djokovic auf dem Platz, fast fünf Stunden länger als Federer.

SCHWERSTARBEIT: 19:05 Stunden verbrachte Djokovic auf dem Platz, fast fünf Stunden länger als Federer.

Vor dem Halbfinale gegen Federer tönte Raonic: „Ich spiele nicht gegen den siebenmaligen Wimbledonsieger. Ich spiele gegen den Typen, der mir im Weg steht.“ Auch wenn es dieses Mal nicht funktionierte – der gebürtige Montenegriner verlor 4:6, 4:6, 4:6 nach etwas mehr als anderthalb Stunden – , von Raonic, der schon die Nummer sechs der Welt ist, wird man in den nächsten Monaten und Jahren noch viel hören.

Andy Murray sagt: „Vor einem Jahr konntest du gegen Jungs wie Raonic oder Dimitrov noch durch die größere Erfahrung gewinnen. Aber die Jungs sind erwachsener geworden. Wenn du jetzt nicht gut spielst, verlierst du.“

Wie recht der Titelverteidiger mit der Einschätzung hatte, merkte er im Viertelfinale. Bis dahin hatte Murray einen glänzenden Eindruck hinterlassen, keinen Satz abgegeben, doch dann kam Dimitrov (siehe auch Porträt Seite 34). Der Bulgare, 23 Jahre jung, genannt „Baby Federer“, hat all das, was ein Champion braucht: einen krachenden Aufschlag, Variationen im Grundlinienspiel, Athletik, Nervenstärke. In ein paar Jahren könnte er die erweiterte Version von seinem Vorbild sein – Federer 2.0.

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RÜCKKEHR AUF TOPNIVEAU: Federer schaffte es, ein 2:5 im vierten Durchgang in einen Satzgewinn umzumünzen.

Allerdings: Murray war nicht so schwach wie ihn die Kritiker sahen. Einer witzelte: „Er hat gespielt wie einer, der in zwei Tagen seinen Rücktritt bekannt gibt.“ Ein anderer spottete via Twitter: „Andy spielt schon so wie seine Trainerin Mauresmo, die bei 15 Anläufen in Paris nie über das Viertelfinale hinauskam.“ Fakt ist: Gegen Murray bestritt Dimitrov das vielleicht beste Match seiner Karriere. Und auch im Halbfinale gegen Djokovic war er nah dran an der Sensation, vergab im vierten Durchgang einen Satzball. Es war die Partie, über die Boris Becker sagte: „Ich hatte Angst um Novak.“„Sie klopfen an die Tür“, urteilt Federer über die junge Generation. In Wimbledon klopften sie nur, aber sie kamen noch nicht ins Wohnzimmer. Das Duell alt gegen jung im Halbfinale endete 2:0 für die Oldies.

Novak Djokovic wird der Ansturm der Jugend vorerst nicht interessieren. Drei Tage nach Wimbledon heiratete er seine Verlobte Jelena Ristic auf einer Insel in Montenegro. Es muss sich gut angefühlt haben als Wimbledonsieger und Nummer eins.

 

Auf ’ne Nudel

Die Top 5-Gerichte im Spielerrestaurant

1) Pasta mit Tomatensauce

2) Huhn mit Basmati-Reis

3) Glutenfreie Pasta mit Lachs

4) Fisch mit süßen Kartoffeln und Pilzsauce

5) Geräucherter Lachs und Quinoa-Salat

 

Ohne Worte…

Rafael Nadals Wimbledonpleiten in den letzten drei Jahren.

2012: Zweite Runde gegen Lukas Rosol (Nr. 100).

2013: Erste Runde Steve Darcis (Nr. 135).

2014: Vierte Runde Nick Kyrgios (Nr. 144)

 

Per Wildcard ins Glück

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COOLER TYP: Gegen Rafael Nadal in Runde vier servierte der 19-jährige Australier 37 Asse.

Der 19-jährige Nick Kyrgios begeisterte alle Sein Schlag durch die Beine im Match gegen Nadal wurde zum YouTube-Hit (knapp 200.000 Klicks in fünf Tagen). Die Szene war das Sahnehäubchen auf die Story von „Wild thing“ (Daily Mail) Nick Kyrgios, dem coolen Australier, der erst gegen Richard Gasquet neun Matchbälle abwehrte und dann Rafael Nadal schlug. „So etwas gab es hier seit Boris Becker nicht“, schrieben die englischen Zeitungen nach seinem Auftritt auf dem Centre Court.

„Ich spielte wie im Rausch. Ich bin jetzt noch durcheinander“, sagte Kyrgios (19) nach seiner 7:6, 5:7, 7:6, 6:3-Show. Ein cooler Typ, dieser Sohn eines Griechen und einer Malaysierin – Knopf im Ohr, Kette um den Hals und ein in die Frisur rasierter Blitz. Als Junior war der 1,93-Meter-Mann die Nummer eins. In Wimbledon gewann er den Junior-Doppel-Titel. Auch dafür wurde er von den Veranstaltern mit der Wildcard belohnt.

„Er kann hier den Titel holen“, schwärmte TV-Mann John McEnroe. Doch die Geschichte von Nicholas Hilmy Kyrgios war leider schneller vorbei, als allen lieb war: knappe Vier-Satz- Niederlage im Viertelfinale gegen Raonic. Der schlug noch mehr Asse in einem Match – 39.

(Text : Andrej Antic ; tennisMAGAZIN Ausgabe 08.2014)

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